Anpfiff 2019

Es wurde ja auch Zeit. Zeit mit dem Zelt in die Natur zu fahren

Im letzten Jahr hatte ich um diese Zeit bereits meine Sauerland-Runde und die Tour nach Flensburg hinter mir. Es hat mich also schon ziemlich gejuckt, endlich die Trägerrakete mit dem ganzen Geraffel zu satteln. Für den Freitag hatte der Wetterfrosch eher kühles Wetter, ohne jede Sonne vorhergesagt. Samstag und Sonntag sollte es sonnig und warm werden. So kam es dann auch, wie sich zeigen wird.

Außer dem Schlafsack habe ich in diesem Jahr keine neue Ausrüstung angeschafft. Dennoch habe ich mich mit der Gepäckverteilung doch irgendwie schwer getan. Trotzdem ich mich an meine Aufzeichnungen aus Schottland gehalten habe, hatte ich den Eindruck, dass vieles irgendwie fehl am Platz lag.

Nachdem es partout nicht wärmer werden wollte, bin ich am Freitag um kurz nach zehn losgeradelt. Das warme Outfit wie seinerzeit in Schottland war durchaus angebracht.
Der Plan? Grobe Richtung Süden und hinter Gütersloh in östliche Richtung abbiegen. An Paderborn vorbei bis nach Beverungen an die Weser. Für den ersten Tag durchaus “challenging”: 134 Kilometer hatte ich auf Komoot geplant. Ein wenig mehr wurden es dann, weil mich das Navi unsinnigerweise quer durch einen Wald, über einen Berg geschickt hatte. Immerhin vorbei am Kempen-Viadukt und der legendären Max-und-Moritz-Quelle in Altenbeken.

Als ob ich nicht auch so schon ziemlich fertig war. Die Kälte, permanenter Gegenwind und mein relativ schlechter Trainingszustand ließen mich bereits nach 50 Kilometern anfangen zu kämpfen.

Mit Päuschen habe ich fast achteinhalb Stunden benötigt, bis ich am Campingplatz aufschlug. Viel ging nicht mehr. Die Oberschenkel waren verkrampft und auch Magen-Darm meckerten rum. Das Abendessen habe ich zwar bezahlt, konnte es aber nicht runterbringen. Shit happens…

Die Nacht begann erst einmal mit einem Schlager-Potpourri der 70-er Jahre bei einigen Dauercampern. So lange, bis sich andere lautstark darüber beschwerten. Danach folgte die Erkenntnis, dass mein Kopfkissen den Winter offenbar nicht überstanden hatte und die Luft nicht mehr hielt. Recht kalt war es, aber der neue Schlafsack ist Bombe! Ein Nachbar fragte mich am nächsten Morgen, ob es nicht arschkalt gewesen wäre. Nö!

Nachdem Ruhe eingekehrt war, konnte ich die Geräusche der Natur aufnehmen und in vollen Zügen genießen.

Am Samstag weckte mich die aufgehende Sonne, die das Zelt und den Schlafsack sehr schnell aufwärmte. Zeit für einen ersten Kaffee und ein mageres Frühstück, nachdem der Kiosk auf dem Platz nicht geöffnet hatte. Darauf hatte ich gebaut und kein Brot oder Brötchen gekauft. Porridge aus England hatte ich noch dabei. Das musste reichen.

Sobald das Zelt weitgehend von Tau- und Schwitzwasser abgetrocknet war, fuhr ich auf dem Weserradweg in Richtung Norden.

Die Sonne, die angenehmen Temperaturen und natürlich die Landschaft trieben mir schon ein breites Grinsen ins Gesicht. Die für heute geplanten flachen 110 Kilometer sollten machbar sein. abgesehen von etwas mehr als sonst gereizter Haut im Schritt hatte ich keine Nachwehen von gestern.

In Holzminden bot es sich um 12:30h an, die bis her vernachlässigte Kalorienzufuhr ein wenig auszugleichen. Lecker Currywurst-Pommes, dazu ein Hefe hell. Alles windgeschützt in der Sonne. So lässt sich das noch tagelang aushalten.

Das hielt nur für knapp 30 Kilometer an – in der Münchhausen-Stadt Bodenwerder mussten noch einmal Pommes in ein Weizen herhalten, was jetzt nicht so schlimm war  😉

Der Doktorsee bei Rinteln war heute das Ziel. Mittlerweile fühlte sich die Haut nicht mehr gereizt sondern ziemlich wund an. So war ich einigermaßen froh, als ich um 18 Uhr mein Zelt auf der recht leeren Zeltwiese parken konnte.

Der Laden auf dem Platz hatte bereits geschlossen. Mangels Getränke musste die Pizzeria am See herhalten und mich bekochen.

Die Nacht war gut und auch ohne Kopfkissen fühlte ich mich am Sonntagmorgen gut ausgeruht. Um kurz nach acht Uhr war ich im Lebensmittel-Shop und ergatterte mit Glück ein paar der noch vorhandenen Brötchen und drei frische Eier. Zusammen mit dem mitgebrachten Bacon lässt sich ein prima-Spiegelei-Frühstück daraus zaubern.

Kennt jemand “Marmetube“? Ich auch nicht. Habe sie aber neulich bei mir im REWE gefunden. Fruchtaufstrich aus der Tube. Ich bin ja kein Fan von Marmelade, aber auf den frischen Bröthen hat sie wirklich gut geschmeckt.

Es nützte ja nix. Nach Hause musste ich am Sonntag auch noch kommen. Um zehn Uh standen die Rakete und ich wieder in den Startlöchern um die letzten 90 Kilometer unter das Profil zu nehmen. “Profil” ist ein gutes Stichwort. Denn auch die heutige Strecke war wieder sehr profiliert geplant. Zunächst durch das Kalletal, dann über Vlotho und Herford vorbei an Bielefeld nach Werther. Aber: Mit etwas Rückenwind 😉

Sehr warm war es. Untypischerweise habe ich über 3 Liter getrunken bzw. trinken müssen, um letztendlich die insgesamt 347 Kilometer-Runde beenden zu können.

Schön war es wirklich. Und anstregend auch. Es hat sich wieder bestätigt, dass bei dem Systemgewicht, dass ich bewegen muss (möchte), Touren bis 80 Tageskilometer ganz OK sind, ab 100 Kilometer tut es dann weh und der Spaßfaktor ist nur noch selten vorhanden.

Der Weserradweg ist über diesen Bereich gut zu fahren und ist auch in Bezug auf Übernachtungen und Gastronomie logistisch gut erschlossen. Die Wegführung des von mir befahrenen Teils führt durch die Städte Beverungen, Höxter, Holzminden, Bodenwerder, Hameln, Hess. Oldendorf bis Rinteln. Empfehlenswert!

Nachwirkungen heute: keine – außer etwas angespannten Oberschenkeln.

In anderthalb Wochen geht es nach Dänemark. Einfach vom Wind und/oder Lust und Laune treiben lassen 😉

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2 Kommentare

  1. Ich bin sehr begeistert von deinen Reise Schilderungen und ich fühle mich mitgenommen.
    Das Zusammenspiel von Körperempfinden, Natur, Begeisterung und auch Grenzen sind sehr gut zu erkennen.
    Du lebst und liebst, das ist toll.
    Ein echter Sportler, ich hatte keine Ahnung.
    Du berührst mich mit deinem Alleinsein.
    Ich finde es toll.Susanne

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