Dolomiten Radmarathon 2017 – Der Rennbericht

Rückblick:
Die Vorbereitung war nicht optimal (s. Blogeintrag vom 10.06.2017)
Für mein Empfinden bin ich nicht genügend Berge gefahren. Zwar haben sich auf 6 Ausfahren immerhin 9.200 Höhenmeter auf 667 Kilometer summiert – aber ich hatte mehr erwartet. Mit dem Trainingsstand, so war ich mir sicher, könnte ich gleich einen Haken an die Maratona machen.

Mein Missmut wurde noch durch die kalte Wettervorhersage für das Rennwochenende gesteigert. Das i-Tüpfelchen war wieder einmal unsere Wahl des Hotels.Günstig war es. In Cortina d’Ampezzo; im Herzen der Dolomiten. Traumhafte Bergkulissen, die man gesehen haben muss, wenn man karge bizarre Berge mag!
Weiß jemand wo das liegt, dieses Cortina? Also: Saskia sagt: Hier trifft man sich in den Dolomiten. Das hat Google ihr verraten. Ein In-Dorf sozusagen. Letzteres mag stimmen. Zumindest im Winter. Auf jeden Fall werden hier die Touris so richtig gemolken. Pizza für 15 Euro? Kein Thema. Plus 2 Euro „Gedeck-Gebühr“. Eine Flasche Franziskaner Weizen zum Selbsteinschenken? In ein Weißwein-Glas: 7 EUR… Parkgebühr am öffentlichen Parkplatz vor dem Hotel: 3 EUR/Stunde von 9 bis 20 Uhr.
Alles irgendwie zu verkraften, man ist ja im Urlaub :-/
Aber: 33 Kilometer bis zum Startort in La Villa. Das haben wir zwar gewusst, haben aber missachtet, dass dazwischen der „Falzarego-Pass“ liegt. Dadurch dauerte der Transfer mindestens eine Stunde. Bei einem Start um 6:30h (Startaufstellung ab 5:30h) ein Unding.
Am Samstag zur Abholung der Startunterlagen war ich schon am hyperventilieren: das kleine Bergdorf La Villa wimmelte nur so von Rad- und Autofahrern, die dasselbe vor hatten und relativ unentspannt waren. Parkplätze? Keine. Durch Zufall wurde direkt vor uns einer frei. Als wir in der langen Schlange Menschen standen, war ich schon wieder auf dem Rückweg. Lass es einfach: 33 Kilometer Anfahrt, mit Sicherheit unglaubliche Hektik am Morgen, kaltes Wetter, schlechtes Training, warum bin ich hier?
Na gut. Wir sind dann zurück in die Reihe und haben uns erneut angestellt. Wider Erwarten ging es recht schnell, bis ich meinen Startbeutel in der Hand hielt.
Um das Event für uns noch zu retten (bzw. um mir keine Ausrede für einen Nicht-Start zu geben) haben wir noch kurz bei Booking.com nachgesehen, ob es nicht noch eine günstige Unterkunft für eine Nacht direkt im Ort gibt. Ich war mir ja sicher, dass es nicht der Fall sein würde… Damit würde ich erneut nicht starten und weiterhin eine Rechnung offen haben.
Saskia, fand dann schnell eine… Nach Aussage des Vermieters muss jemand nur wenige Minuten vorher eine Stornierung geschickt haben, die wir nutzen konnten. Also: Zurück nach Cortina, Rad und einige Sachen einsammeln und zum dritten Mal an diesem Tag über den Pass zurück nach La Villa.
 
Das Rennen 
Die Unterkunft bot allen Teilnehmern ein kostenloses Frühstück ab 4:30 Uhr an. Damit war die Versorgungsfrage am Renntag schon einmal gelöst. Die Kohlenhydratspeicher haben wir in einer Pizzeria um die Ecke mit Rotwein und Pizza am Abend vorher schon einmal etwas gefüllt. Eine weitere Pizza haben wir mit auf das Zimmer genommen.
Wecker um kurz vor halb fünf. Essen – noch einmal hinlegen bis die Verdauung einsetzt – entsorgen. Anziehen. Alles wie „früher“ beim Ironman.
Eines allerdings gab es beim Ironman nur einmal: In Roth. Damals hatten wir den ganzen Tag Regen und 11 Grad.
Heute waren es 8 Grad. Tagsüber; im Tal. Na toll. Ideal für einen Schön-Wetter-Sportler.
 
Mein Weg zum Start war einfach: 3 Kilometer bergab. Schon hier habe ich es bitter bereut, mich nicht noch wärmer angezogen zu haben. Um kurz nach 6 Uhr stand ich im letzten Startblock für alle, die noch kein Ergebnis bei der Maratona vorzuweisen hatten bzw. für die die in der Vergangenheit nicht unter 8 Stunden finishen konnten.
Die Stimmung bis zum Start: Man spürt das Kribbeln von tausenden von Teilnehmern. Gespannte Ruhe, Nur Italiener und Engländer labern laut. (Das legt sich auch erst nach 60-70 Kilometern) 3 Helikopter sind bereits in der Luft und kreisen über den wartenden 10.000 Sportlern.
Pünktlich um 6:30h hörten wir einen Böllerschuss. Start für den ersten Startblock. Bis ich langsam über die Startlinie rollte, war es ziemlich genau 7 Uhr und mir war echt kalt. Zwar war es trocken und über dem Hochnebel war etwas von der aufgehenden Sonne zu sehen, aber das alleine wärmt nicht..
 
Im Kriechtempo fuhren wir zunächst 4 KM nach Corvarra und hier direkt in den ersten Anstieg des Tages auf den Passo Campolongo (1875m) . Hier kam es echt zu einem Stau mit Stillstand. Erst nach der kurzen Abfahrt nach Arraba und der darauf folgenden 9,2 KM langen Auffahrt zu Passo Pordio (2239m) zog sich das Feld etwas auseinander und einigermaßen freies Fahren wurde möglich. Mit durchschnittlich 6,9% Steigung machte der schon ordentlich warm, die Abfahrt war um so kälter. Dem 2.239 Meter hohen Pordio folgte der landschaftlich schöne Sellapass (2224 m) mit einer nur 5,5 KM langen Auffahrt. Gefühlt übergangslos fuhren wir nach einer kurzen Abfahrt auf den Passo Gardena (2121m). Auf der nun folgenden Abfahrt nach Corvarra sah ich den einzigen Sturz des Tages.
Nach 55 schweinekalten Kilometern erreichten wir zum ersten Mal das Ziel in Corvarra. Hier wäre eine erste Möglichkeit zum Beenden gewesen. In Anbetracht der frühen Uhrzeit (10:10h) war ich mir jedoch sicher, dass sich Saskia mit Auto noch nicht im Zielbereich befinden würde (was Saskia später verneinte). Hätte ich das gewusst, wäre ich nach der kürzesten der drei möglichen Runden ausgestiegen. So entschloss ich mich jedenfalls auf die 106-KM-Runde zu gehen, die erneut mit dem Campolongo begann. Diesmal ohne Stau. In Arrabba bogen wir anstatt rechts nach links ab, grob in Richtung Passo Giau. Nach 75 gefahrenen Kilometern bot sich die Möglichkeit entweder auf die 106-KM-Runde abzubiegen oder die Maratona mt 138 KM zu fahren, Ich ließ das Feld entscheiden: Weil vor mir die Mehrheit auf die große Runde fuhr, tat ich das auch. Neben und hinter mir bog die Mehrheit ab… Hmmm…
Der Scharfrichter der Runde, Passo Giau (2233m), ließ nicht lange auf sich warten. 9,9 Kilometer lang ist der Anstieg mit einer Durchschnittssteigung von 9,3%, im unteren Bereich bis 14%.
74 Minuten habe ich für die 849 Höhenmeter bis auf die Passhöhe benötigt. Etwas langsamer als erwartet – aber OK. 6:03 Stunden waren bis hier vergangen. Die Abfahrt war wieder zum K..tzen. Kalt, viele enge Kurven. Kopfschmerzen durch die Kälte, Nackenschmerzen durch das ständigen Kopf hoch halten und schmerzende Hände durch das ständige Bremsen und durch die Kälte. Brrrr… 700 Höhenmeter bergab auf 10,3 KM bis nach Pocol. Von hier wären es nur 6 Kilometer bis nach Cortina gewesen – aber ich musste ja zurück nach Corvarra, wo Saskia bereits jetzt auf mich wartete.
Noch waren 39 Kilometer zu bezwingen. Der Passo di Falzarego (2105m) mit erneut gut 10 KM Anfahrt, der 1 KM kurze Valparola Pass (2192m) und dann noch die letzte Schikane, die „Mür dl Giat – die Katzenmauer“ in La Villa, 4 Kilometer vor dem Ziel mit kurzzeitigen 19% nahmen noch zwei Stunden in Anspruch. Die“Mür“ ist zwar nur knapp 360 Meter lang, bringt aber unter widrigen  Umständen Deine eingenommene Nahrung wieder zutage…
 
Nach 08:03:45h war ich dann zum zweiten Mal im Zielbereich in Covarra – Gerade rechtzeitig vor einem heftigen Regenguss; dem einzigen des heutigen Tages, der in meiner Nähe herunter kam.
 
Platz 614 in meiner Altersklasse und 3.120 insgesamt. Nicht ganz so schlecht, oder?
 Das Schönste daran: Ich habe nicht nur meine Rechnung mit den Dolomiten beglichen. Ich hatte keinerlei müde Beine oder gar einen Muskelkater am nächsten Tag. Trotzdem ich keineswegs im Rennmodus unterwegs war und die Abfahrten eher defensiv herab gefahren bin (wodurch ich jedesmal Plätze verlor), habe ich gerade an den Anstiegen Plätze gut machen können.
Mein Training hat also doch angeschlagen – allen negativen Gedanken zum Trotz.
  
Und weil bereits nachgefragt wurde: Ja, das ganze wurde auch beurkundet 🙂

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